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Wen die Muse küsst

Regine Buddeke
(aus: Märkische Allgemeine; 27.09.2021)

Wen die Muse küsst Ein Kämpfer für die Kunst: Der Wahl Rheinsberger Tony, Torrilhon feiert heute seinen 90.Geburtstag Von Regine Buddeke Rheinsberg. Was für ihn Heimat ist? „Wenn die Leute mich im Supermarkt grüßen." Das hat Tony Torrilhon vor ein paar Jahren einmal gesagt. In Rheinsberg grüßt man ihn, nicht nur im Supermarkt. Seit 2003 lebt er fest in der Prinzenstadt - nach sieben Jahren Pendeln. Hier fühlt er sich nun verwurzelt, auch wenn seine Wurzeln ganz woanders liegen. Überhaupt spielen Wurzeln - streng genommen Holz in allen Formen - eine riesige Rolle in seinem Leben. Ein langes Leben: Tony Torrilhon feiert heute seinen 90. Geburtstag. Der gebürtige Pariser fand früh zur Kunst: Er malte und zeichnete schon als Kind, auch als Student der Medizin. Mit 22 Jahren stellte er in Paris erstmals aus, damals noch Aquarelle. Es blieb nicht seine einzige Ausstellung. Tony Torrilhon sieht Kunst und Medizin verwandt. Seine Dissertation dreht sich um die Pathologie Peter Breughels. 1959 muss er zum Militär, war in Algerien im letzten Kolonialkrieg Frankreichs als Notfallarzt in der Sahara. Keine gute Erfahrung. Er bricht danach mit der Medizin und mit Frankreich, wendet sich der Kunst zu. Studiert in Florenz Malerei, probiert sich in Öl und Radierung. Hier entsteht sein erster Kupferstich - ein Genre, mit dem er später Erfolge feiert. Ein Freund lädt ihn nach Westberlin ein. Torrilhon nimmt das gern an. 1965 kommt er in der deutschen Metropole an, die ein Eldorado und Paradies für seinesgleichen ist. Er schreibt sich an der Hochschule der Künste ein, mit inzwischen 34, studiert sechs Jahre. Lebt, schafft, genießt. Seine Kupferstiche - Menschen und Dinge, biblische Szenen und erotische, Stillleben und Tiere - zeugen davon. Tony Torrilhon trinkt das Leben und schenkt es als Kunst wieder aus. Einmal noch versucht er es in Paris. Nur, um schnell wieder nach Berlin zurückzukehren. Lebt, arbeitet. Hat zwei Frauen - nacheinander - und drei Kinder. Stellt aus. 1979 beginnt sich die Kunstwelt erstmals für seine Kunst zu interessieren - vornehmlich für die Kupferstiche. Diesbezüglich ist er ein Meister. Mit feiner Hand und scharfem Blick ritzt er die Welt in die Druckplatte. Immer mit Liebe und sehr oft mit einem Augenzwinkern, feiner Ironie, pikanter Doppeldeutigkeit, fröhlicher Direktheit. Etwa sein „Lachender" in einem seiner Rheinsberger Atelier- und Ausstellungsräume: „Immer, wenn ich die Besucher lachen höre, weiß ich, dass sie gerade vor dem lachenden Mann stehen, sagt " er mit seinem französischen Akzent und lächelt verschmitzt. Die kleine Holzskulptur erfreut sich bester hochgereckter Männlichkeit und strahlt darüber bis über beide Ohren wie ein Honigkuchenpferd. Wer so aufwacht, ist noch nicht tot, scheint die Figur zu sagen. Pralle Lebensfreude ist ein Thema, das man in den meisten Arbeiten Torrilhons fast plastisch spürt. Andererseits: Da sind auch die vielen Eisenklammern, mit denen er seine Holzskulpturen manchmal regelrecht spickt. Sollen sie die Brüche im Leben kitten? Zusammenhalten, was der Zahn der Zeit benagt hat? Torrilhon lacht: „Die Klammern bringen Spannung, erklärt er. Eine Art Piercing für seine Figuren. „Dekoration - keine Halterung. Die Stabilität der Skulpturen kommt immer zuerst. Erst dann frage ich mich, wo überall ich Klammern anbringen kann. " -Über die Jahre ist Tony Torrilhon beim Holz gelandet. Immer wieder findet er auf seinen Streifzügen durch die Rheinsberger Wälder Holzstücke, die ihn inspirieren. Gern auch große. Die riesige Giraffe vor seinem Atelier zeugt davon. Er ist etwas enttäuscht, dass er sie nicht da aufstellen darf, wofür er sie ge schaffen hat - inmitten eines Kreisverkehrs in Rheinsberg. Enttäuscht war er auch, als seine kleine Tucholsky-Ausstellung im gleichnamigen Museum „nur" eine temporäre geworden ist. Ihm schwebte eine Dauerschau der Holzobjekt vor. Tony Torrilhon hat sich i Rheinsberg nicht nur Freunde gemacht: Er legt sich an, kämpft für seine Kunst und das zur Not auch mit einer Dosis Anarchie. Der Streit ums Schilf rund um seinen fröhlichen Nixenreigen am Bollwerk ist fast schon Stadtgeschichte. Was ist das Wichtigste für ihn an seine. Kunst? „Dass sie mir gefällt ", sagt er. Auch wenn die Muse ihn nicht küsst? „Auch dann" sagt er. Diszipliniert ist er-bei der Arbeit und sonst. Macht jeden Morgen Gymnastik, fährt eisern Rad. Ein Auto hat er nicht. Kein Wunder dass er mit 90 noch so vital ist, um mit Kettensäge und Stechbeitel sein Holz zu behauen. Sein Atelier ist meist geöffnet. Er zeigt den Gästen gern, wie er arbeitet. Druckt seine alten Kupferstichplatten. Es sind hunderte nach all den Jahren. Neue sticht er nicht mehr. Sein Herz schlägt nur noch für Holz. Auch wenn er die Holzarbeiten im Atelier nicht verkauft. „Nur Papier", sagt er. Auf Papier ist auch ein Buch über ihn gedruckt. 2008 ist es erschienen, mit Fotos seiner Werke und den handschriftlichen Kommentaren, die Tony Torrilhon gern und oft unter seine Arbeiten schreibt. Sie sind so witzig wie die Werke selbst -und Zeugnis davon, dass auch ein Stick Poesie in ihm schlummert. Vor zehn Jahren ist er deutscher Staatsbürger geworden. Er singt im Rheinsberger Chor, hat Freunde beim Verein Stadtgeschichte. Er hat seinen Platz in Rheinsberg gefunden. Die Muse küsst ihn immer noch. „Ich habe Glück -viel Glück" , sagt er. Bon Anniversaire, Tony Torrilhon - alles Gute zum Geburtstag. Bild oben: Der Rheinsberger Künstler Tony Torilhon vor seinem 90.Geburtstag in seinem Atelier. Bild mitte: Sein Atelierbesucher sind immer neugierig-Tony Torrilhon erklärt gern, wie ein Kupferstich entsteht. Bild unten links: Isch abe gar kein Auto Bilddaneben: Tony Torrilhon 2016 in der Neuruppiner Galerie am Bollwerk an seiner Druckerpresse Kommentar: Die Stabilität der Skulpturen kommt immer zuerst. Erst dann frage ich mich überall ich Klammern anbringen kann. Toni Torrilhon Künstler in Rheinsberg Skulptur unten rechts: “Der Lachende erfreut sich seiner Manneskraft.


 
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