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Presseberichte

Der alte Mann und seine Giraffe

(aus: Märkische Allgemeine; 25.03.2020)

Tony Torrilhon schafft Fakten- so viel zivilen Ungehorsam gesteht er sich selbst zu. Seine 4,50 Meter große Giraffen-Skulptur, die er aus einer vom Sturm gefällten Baumkrone schuf, steht wieder an der Rheinsberger Schloßstraße. „Ich habe am 11.Februar in Neuruppin beim Landkreis einen Antrag eingereicht, ob ich sie wieder ausstellen darf. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten.“ Zuviel des Wartens für den 88-Jährigen. Am Freitag machte er Nägel mit Köpfen und ließ das hölzerne Tier wieder vom Hinterhof des Nachbarn auf den Gehweg vor seinem Atelier hieven. Zusammen mit der kleinen Miniaturgiraffe, die aus Protest eine Weile von seinem Balkon baumelte. „Ich habe eine paar Tage überlegt ob ich das tue“, sagte er. Bereits Ende Januar, als die befristete Aufstellgenehmigung des Rheinsberger Rathaus endete, hat er klargemacht, dass er die Skulptur gerne dauerhaft dort stehen sehen möchte. Allerdings hatte er – so hieß es im Rathaus – zu lange damit gewartet, eine Verlängerung zu beantragen. „Die Rheinsberger mögen sie“, sagte er. Sogar Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke fand die Giraffe entzückend, die Torrilhon in klein auf seine Neujahrskarte geprägt hatte, sagt er stolz. Für ihn selbst sei sie ein Glücksbringer. In der Tat kommt gerade eine Passantin vorbei und ruft fröhlich: „Na, Tony, jetzt stört sie ja keinen – ist ja kaum noch einer auf der Straße. Und sie hat auch vorher keinen gestört.“ Ob das Rathaus, das genauso sieht, ist fraglich. Der Künstler hat am Freitag einen Brief im Rathaus abgegeben und sein Vorhaben angekündigt. Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow, mit dem sich Torrilhon gut versteht, habe ihn daraufhin angerufen und ihn darauf hingewiesen, dass er das ohne Genehmigung nicht dürfte. Torrilhon sieht das anders: „Ich bin Künstler und ich bin 88 Jahre alt – ich erlaube mir das“, beruft er sich auf die künstlerische Freiheit. Dass Torrilhon ein hartnäckiger Querkopf sein kann, ist in Rheinsberg auch bekannt.-.bei seinen Freunden und auch bei denen, mit denen er nicht so grün ist. Ob er sich mit dieser Einstellung Freunde macht, ist ungewiss. „Ich hoffe, es wird ignoriert“, sagt er. „Es gibt im Moment wichtigeres als Torrilhon und seine Giraffe.“ Trotzdem hat er sich Sicherheitshalber am Montag noch einen Brief ins Rathaus gebracht, indem er um Verständnis bittet. Er schließt mit den Worten:“ „Bitte lassen sie den alten Mann in Ruhe“. Ein Besuch der Behörden kommt ziemlich rasch – allerdings nicht wegen der Giraffe, sondern weil er bitte schön seinen Laden schließen soll – so wie es die derzeit verhängten Corona-Regeln besagen. Am Dienstagmittag erhielt Tony Torrilhon - wen wundert`s? – Besuch vom Rheinsberger Bauamtsleiter, mit der Aufforderung, die Giraffe abzubauen. Tony Torrilhon ist nicht uneinsichtig – und hat nun eine neue Idee: Er will die Skulptur verkaufen und hofft, dass sie so in gute Hände kommt und in Rheinsberg bleiben kann – bestenfalls an einem für alle sichtbaren Platz. Inzwischen hat sich auch Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow in der Sache zu Wort gemeldet. „Die Bedenken, dass Autofahrer abgelenkt werden und auch alle anderen Unklarheiten sind vom Tisch“, sagt er. „Wir wollen eine Lösung finden.“ Prinzipiell beständen seitens der Stadt keine Einwände mehr, die Giraffe am alten Platz belassen. „Aber die Baugenehmigung des Landkreises muss er beibringen – das können wir ihm leider nicht abnehmen“. Aufgrund ihrer Größe sei die Giraffen-Skulptur baugenehmigunspflichtig – genauso wie größere Werbeschilder und ähnliches. „Wenn der Landkreis die Genehmigung erteilt, werden wir in Rheinsberg das hier auch positiv bescheiden“, sagt Schwochow auf MAZ-Anfrage. Er setzte auf die Einsicht Torrilhons und will daher auch keine Zwangs-Beräumung der Giraffe veranlassen. „Er hat versichert, dass er sie vorerst wieder wegräumt“.

Kommentar
Kein gutes Signal
Man mag von der Begründung des Rathauses, die Giraffe an der Straße wäre eine zu große Ablenkung für Autofahrer, halten was man will. Das zumindest war die Erklärung, weswegen der Künstler Tony Torrilhon eine neue befristete Aufstellgenehmigung erhielt. Dass er sich weiter um eine unbefristete Genehmigung bemüht ist verständlich und sein gutes Recht. Wie er es aber macht, ist fragwürdig. Und vor allem der Zeitpunkt ist denkbar schlecht gewählt. Dass die Behörde in Neuruppin derzeit andere Sorgen hat, als sich mit der Aufstellgenehmigung einer Giraffenskulptur zu befassen, liegt auf der Hand. Insofern sind 7 Wochen warten zwar ärgerlich für den Antragsteller-wirklich wundern muss er aber sich darüber nicht. Dass er die Giraffe dennoch und ohne Genehmigung aufstellte, ist nicht künstlerische Freiheit, sondern schlicht eine Provokation. Man könnte unterstellen, er würde den Umstand nutzen, dass die Behörden jetzt anders zutun haben und er in den Wirren der Corona-Krise mit seinem Guerillastreich durchkommt. Wie man sieht, tut es das nicht. Klar: Die Giraffe ist und bleibt ein Hingucker und fröhlicher Farbentupfer auf den jetzt leeren Straßen. Die Art und Weise jedoch befremdet und ist mit Sicherheit kein gutes Signal an all die, die sich derzeit an die Regeln halten.

 
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