STADTGESCHICHTE RHEINSBERG  e. V.
 
 
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Presseberichte

Weil die Erinnerung nicht sterben darf

Reyk Grunow
(aus: Märkische Allgemeine; 28.01.2020)

Christiane Albrecht hat Felix Weinstock noch selbst kennengelernt. Als Kind hat die Rheinsbergerin erlebt, wie er in der Langen Straße aus dem Fenster seines kleinen Häuschens geschaut hat. Felix Weinstock wirkte auf die Kinder verbittert und nicht sehr freundlich. Wer könnte ihm das verdenken? Christiane Albrecht jedenfalls nicht. Felix Weinstock war Jude. Zusammen mit seiner Frau Ida wurde er von den Nationalsozialisten aus Rheinsberg ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden die Gräuel und kehrten nach dem Krieg zurück in ihre Heimatstadt. Ida Weinstock starb 1951, ihr Mann Felix 1961. Ihren Sohn haben die beiden nie wiedergesehen. Er wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet. Wie Millionen andere Menschen aus ganz Europa. An sie alle erinnerten am Montag, dem 75.Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz durch die sowjetische Armee, Rheinsberger am Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem städtischen Friedhof. Zum erstem seit langem warten Vertreter aller Parteien aus dem Stadtparlament zu der Gedenkveranstaltung gekommen, die seit vielen Jahren von der Partei Die Linke organisiert wird. Etwa 40 Rheinsberger waren gekommen, auch Bürgermeistern Frank-Rudi Schwochow. Sich zu erinnern sei wichtig, sagt Pfarrer Christoph Römhild. Doch Verbrechen gegen jüdische Mitbürger und gegen Andersdenkende seien nichts, das nur in der Vergangenheit stattfand. Solche Verbrechen gibt es nach wie vor. Nur eine sehr stabile Tür habe jüdische Menschen vor wenigen Monaten davor bewahrt, von einem Extremisten getötet zu werden. Christoph Römhild war hörbar bewegt, als er an den Anschlag am 9 September in Halle erinnerte: „Es ist beschämend, dass so etwas in Deutschland und in Europa geschehen kann.“ Mord und Tod waren für die Menschen im sogenannten Dritten Reich nichts Abstraktes, auch nicht in Rheinsberg. Daran erinnert der Stadtverordnete Freke Over. Er hatte die Aufzeichnungen zweier Rheinsberger mitgebracht, in denen sie auch an die Häftlinge aus dem KZ-Sachsenhausen erinnerten, die in den letzten Tagen des Krieges auf ihrem Todesmarsch nach Norden durch Rheinsberg getrieben wurden. Sie beschrieben, wie SS-Männer Häftlinge auf offener Straße den Schädel einschlugen, sie erschossen oder krank und zu Tode entkräftet einfach am Weg liegen ließen. „Diese Verbrechen richteten sich gegen diese Menschen“, sagt Peter Böthig, der Leiter des Rheinsberger Tucholsky-Literaturmuseums. „Sie richteten sich aber auch gegen das Erinnern.“ Immer offener werden heutzutage die unfassbaren Taten geleugnet und relativiert. Um so wichtiger sei alles, was heute noch als Beweis für die Taten von damals dienen kann. Ein solcher Beweis ist die Kennkarte von Anne-Marie Jährig, einer Cousine Kurt Tucholskys. Solche Karten wurden ab 1938 in Deutschland als eine Art Vorläufer des Personalausweises ausgegeben. Auf den Karten der „Deutschen Reichsbürger“ prangte ein Adler samt Hakenkreuz, auf den Karten jüdischer Bürger ein großes „J“. Die Kennkarte stigmatisierte Juden so auf den ersten Blick. Auch die Familie Tucholsky wurden als Juden verfolgt. Die Kennkarte von Anne-Marie Jährig belegt das sehr anschaulich. Die junge Frau, „geb. Tucholsky“, sollte am 16.Februar 1945 zusammen mit ihrer damals 17 Jahre alten Tochter von Dresden aus in ein Vernichtungslager gebracht werden. Das Datum ihrer Deportation stand schon fest, als amerikanische Bomber ihre Heimatstadt am 13. Februar in Schutt und Asche legten. Der Bombenangriff ermöglichte den beiden die Flucht. Sie versteckten sich, bis die Naziherrschaft wenige Wochen später ein Ende fand. Die Kennkarte von Anne-Marie Jährig wird künftig im Tucholsky-Museum zu sehen sein. Peter Böthig hat sie vor knapp zwei Wochen von Anne-Maries Tochter Brigitte Rothert in Dresden übergeben bekommen. Die Karte soll ebenso erinnern, wie es die „Stolpersteine“ tun sollen, die in diesem Jahr in Rheinsberg verlegt werden. 13 Steine erinnern an das Schicksal 13 jüdischer Rheinsberger in der Nazizeit – auch an das von Felix und Ida Weinstock.

 
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