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Notizen zur Revolution

Brian Kehnscherper
(aus: Ruppiner Anzeiger; 08.10.2019)

Notizen zur Revolution
Hans-Norbert Gast war vor 30 Jahren Gründungsmitglied des Neuen Forums in Rheinsberg. Er hat über die friedliche Revolution in der Prinzenstadt genau Buch geführt.
Wenn sich Hans-Norbert Gast an den Herbst 1989 und die darauf folgenden Monate erinnert, bekommt er immer noch Gänsehaut. Vieles haben er und seine Mitstreiter damals im Kleinen bewegt. Sie haben die friedliche Revolution nach Rheinsberg gebracht. Fotos von jenen Tagen gibt es nicht. Zu groß war die Angst vor der Staatssicherheit. Die wichtigsten Ereignisse hat Gast damals in einem kleinen Buch schriftlich festgehalten. Gast hatte ab 1987 zwei Jahre lang als Stadtrat für Kultur in der Verwaltung der Prinzenstadt gearbeitet. Als Parteiloser wurde ihm bereits einiges Misstrauen von den Kollegen entgegengebracht. Im Vorfeld der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 bekam Gast mit, dass hinter verschlossenen Türen „Unregelmäßigkeiten" besprochen worden sind. „Ich habe gemerkt, da wird etwas vorbereitet", erinnert er sich. Also entschied der damals 37-Jährige, im Rathaus aufzuhören und wieder als Berufsschullehrer in Neuruppin zu arbeiten. Wegen einer Stimmbands-OP musste Gast regelmäßig zu Nachsorge-Untersuchungen nach Berlin. Dort besuchte er Andachten in der Gethsemanekirche, die einer der Ausgangspunkte der Friedlichen Revolution sein sollte. Nachdem Gast an einen Gottesdienst teilgenommen hatte, er-fuhr er am Abend in der Tagesschau, dass die Stasi Teilnehmer der Andachten verhaftet hatte. Die Andacht eine Woche später sei übervoll gewesen. Die inzwischen wieder auf freien Fuß gelassenen Verhafteten berichteten von den Misshandlungen während ihrer Vernehmung. Diese Veranstaltung sei für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen, sagt Gast rückblickend. „Ich kehrte nach Rheinsberg zurück und fing an, Infomaterial in einem Hefter zu sammeln." Er dokumentierte die Missstände, die er erlebte.
Kontakt zu Gregor Gysi
Bevor er aktiv wurde, besprach Gast sich mit seiner Frau. Schließlich könnte er auch sie in Gefahr bringen. Er hatte bereits erlebt, dass eine Rheinsberger Familie zur Ausreise in den Westen gezwungen worden war, weil sie unbequem wurde. Die Gasts beschlossen, das Risiko auf sich zu nehmen. Ab Mitte Oktober legte der Ehemann seinen Infohefter im Lehrerzimmer seiner Berufsschule aus und ließ ihn im Freundeskreis herumgehen. „In meinem Umfeld bildete sich immer mehr der Gedanke Wir müssen etwas tun'", so Gast. Allerdings war auch die Angst vor den Konsequenzen da. Gast nahm Kontakt mit Gregor Gysi auf, der schon damals als Rechtsanwalt in Berlin tätig war, und besprach mit ihm, dass er als Mitglied im Neuen Forum tätig sein möchte. Um im Falle seine Ausweisung nicht enteignet zu werden, besprach er, dass Gysi dafür sorgen sollte, dass das Haus an Gasts Mutter geht. Schließlich entschieden Gast und seine Mitstreiter in Rheinsberg, auch dort eine Gruppe des Neuen Forums ins Leben zu rufen. Die Vorbereitungen liefen sehr konspirativ. Die Rheinsberger Revolutionäre fragten den damaligen Kantor Hartmut Grosch, ob sie die Gründungsveranstaltung im Keller des Kantorhauses abhalten dürften. Grosch willigte ein. Am 30. Oktober 1989 trafen sich zehn bis zwölf Personen. „Wir haben damals nichts aufgeschrieben. Ich habe erst in den Wochen danach angefangen, meine Notizen zu machen", so Gast. Das Büchlein habe er zudem versteckt, um der Stasi im Falle einer Festnahme kein Beweismaterial zu geben. Gast war sich sicher, dass er beobachtet wurde: „Eine ganze Zeit lang stand vor meinem Haus ein Wartburg mit zwei Männern“. Wer ihn für Absprachen in seinem Haus in der Wohnsiedlung Rhinhöhe besuchte, kam von hinten durch den Garten. „Die Leute sind zum Teil zu Fuß durch den Rhin gewatet", erinnert er sich.
Die erste Friedensandacht
Der erste Schritt zum organisierten Widerstand war gemacht. „Wir nannten uns anfangs Initiativgruppe Rheinsberg und erst später Neues Forum", erinnert sich Gast. Die Mitglieder wollten eine Friedensandacht organisieren und kontaktierten den damaligen Pfarrer Manfred Sprenger. Mit Genehmigung des Gemeindekirchenrates wurde ein Aufruf veröffentlicht. Als Ansprechpartner für Interessierte habe sich jemand bereiterklärt, der keine Angehörigen hatte, die im Falle einer Festnahme Repressalien befürchten müssten. Die Resonanz auf den Aufruf war riesig. Zur ersten Rheinsberger Friedensandacht am 3. November sei die Laurentiuskirche „rammelvoll" gewesen. „Wir haben bei der Andacht Forderungen formuliert, die wir unheimlich revolutionär fanden. Am nächsten Tag erfuhren wir aus dem Fernsehen, dass diese Forderungen durch die Proteste in Berlin und Leipzig längst erfüllt worden waren." Als am 15. November die zweite Friedensandacht stattfand. war die Grenze schon längst offen. „Wir trauten dem Frieden aber nicht. Wir befürchteten, das ist nur ein Zugeständnis zur Ablenkung, und am Ende bleibt doch alles beim Alten", so Gast. Also bildeten sich Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen. Die Mitglieder des Neuen Forums besichtigten Betriebe, forderten die Veröffentlichung von Umweltdaten des Kernkraftwerks, eine Reform des Arbeitsgesetzes und eine bessere Versorgung. Und sie setzten viel daran, den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen nachzuweisen. Das sei nicht leicht gewesen. Nur anhand der nicht abgegebenen Wahlbenachrichtigungen hätten Bürger beweisen können, dass sie nicht zur Wahl erschienen sind. „In Rheinsberg hieß es offiziell von der Wahlkommission, sieben Bürger hätten nicht gewählt." Gast hatte gehört, dass jene Familie, die ausgewiesen worden war, nicht abgegebene Wahlbenachrichtigungen gesammelt und in der Verwaltung abgegeben hatte. Die Familie wurde bestraft, das Ganze unter den Teppich gekehrt. Die Beweise waren weg. Also fragte Gast herum, wer nicht zur Wahl gegangen sei es waren deutlich mehr als sieben. Bei einem Dialoggespräch zwischen Bürgern und Parteimitgliedern im ehemaligen Club der Gewerkschaften konfrontierte Gast die Verwaltung mit dem Vorwurf, die Wahl sei manipuliert gewesen. „Der damalige Bürgermeister Detlef Hohlfeld sagte nur: ,Das müssen Sie erstmal beweisen?". Auf die Aufforderung in die Runde, jeder, der nicht wählen war, möge aufstehen, erhoben sich gut 20 Personen. „Da ging ein Raunen durch den Raum. Es wurde aber abgebügelt mit: ,Das müssen wir erstmal prüfen:"
Wahlbetrug vor Gericht
Die Aufarbeitung des Wahlbetrugs in Rheinsberg sollte noch Monate dauern. Unterlagen, die Gast der Staatsanwaltschaft Neuruppin zur Verfügung stellte, gingen „auf dem Postweg verloren", wie ihm mitgeteilt wurde. Also sammelte Gast eidesstattliche Erklärungen von Nichtwählern und sandte sie direkt an die Bezirksstaatsanwaltschaft in Potsdam. Im Februar 1990 begann schließlich der Prozess gegen Bürgermeister Kohlfeld und mehrere Mitglieder der Wahlkommission. Letztlich sorgte ein Mitglied dieser Kommission, Udo Westfahl, durch eine Selbstanzeige dafür, dass der Wahlbetrug juristisch verfolgt werden konnte. Alle Angeklagten wurden schuldig gesprochen. In einer Sondersitzung der Stadtverordneten wurde Kohlfeld abberufen. Jürgen Rammelt übernahm sein Amt kommissarisch. Weil Udo Westfahl durch seine Selbstanzeige überhaupt dafür gesorgt hatte, dass der Betrug bestraft werden konnte, sammelte das Neue Forum für ihn Geld, um dessen Geldstrafe zu begleichen. Aus dem Neuen Forum ging am 10. Januar 1990 ein Runder Tisch hervor, bei dem Vertreter verschiedener Parteien und der SED Dinge des öffentlichen Lebens besprachen. Als Hausbesitzern von der DDR-Regierung die Möglichkeit gegeben wurde, für 1,50 Mark pro Quadratmeter die Grundstücke zu kaufen, auf denen ihre Häuser stehen, organisierte das Neue Forum eine Mammutaktion. Gast sammelte die nötigen Unterlagen der Hausbesitzer. An einem Wochenende konnten alle Betroffenen im Rathaus im Beisein von Bürgermeister Rammelt und eines Notars ihre Grundstücke erwerben. „Das war die größte Sache, die wir als Neues Forum für die Rheinsberger schaffen konnten. Darauf bin ich noch heute stolz", sagt Gast. Die Rührung ist ihm anzusehen.

 
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