STADTGESCHICHTE RHEINSBERG  e. V.
 
 
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Ein Gedenkort gegen das Vergessen

Mehr als 40 Interessierte fanden sich am 12. Juli 2016 auf dem kirchlichen Friedhof ein, um Dr. Eberhard Gläser über die Geschichte der Begräbnisstätte sowie über das Projekt "Gedenkort" des Stadtgeschichtsvereins sprechen zu hören.

Nach einführenden Worten über die Geschichte der Rheinsberger Friedhöfe stellte Gläser zunächst das jüngste Friedhofsprojekt des Vereins vor: die Denkmalpatenschaft. Dabei übernehmen Rheinsberger Bürger die Finanzierung zum Erhalt stadthistorisch bedeutsamer Gräber, während sich Vereinsmitglieder um das Erscheinungsbild der Grabstätten kümmern und mit einer Tafel über die jeweiligen Verstorbenen informieren. Die Spender erhalten vom Verein eine gerahmte Urkunde. Zwei dieser Dokumente überreichten Gläser und Vereinsvorsitzender Jörg Möller anlässlich des Vortrags an die Denkmalpaten Schulz/Dr.-Schulz-Steinberg und Familie Endler.

Die ersten Denkmalpaten
Das Zahnarzt-Paar hat die Patenschaft für das Grab Emil Füssels übernommen, eines in Rheinsberg in den 1920er und 30er Jahren tätigen Dentisten. Füssel besaß unter anderem das Grundstück in der Schlossstraße, in dem sich heute das Asia-Restaurant "Orchidee" befindet, vormals Café "Voltaire". Beliebt war Füssel in Rheinsberg vor allem wegen seines musikalischen Engagements als Chorleiter.

Die Familie Endler trat als Pate für die letzte Ruhestätte der Familie Wiese auf. Die Wieses betrieben eine Fleischerei an der Ecke Schloss-/Mühlenstraße, wo sich heute Geschäft und Gasthaus Endler befinden. Frau Wiese, so der Referent, war wegen ihres sozialen Engagements sehr geachtet: Eine Anekdote erzählt beispielhaft von einem Weihnachtsfest ohne Würstchen bei Familie Wiese, weil die Dame des Hauses die letzten Würstchen an jemand verschenkt hatte, der "sich das ganze Jahr keine leisten kann, während wir immer welche haben". Besonders freuten sich Möller und Gläser, dass Herr Endler sich die Zeit nahm, auf dem Friedhof vorbeizuschauen, obwohl "das Haus voll" war, wie der atemlose Gastwirt sagte.

Gläser nutzte die öffentliche Verleihung der Patenschaftsurkunden, um darauf hinzuweisen, dass der Verein weitere Spender sucht. Unter anderem sind so prominente Verblichene wie die Carmol-Familie Poscich vertreten, für deren prächtiges Familiengrab eine Patenschaft wünschenswert ist. Außerdem wies der Referent darauf hin, dass der Verein Informationen über das Testament von Hans Poscich sucht: Wer kennt den Ausgang des Carmol-Prozesses? Hat jemand tatsächlich von dem Vermächtnis profitiert, gibt es dazu Unterlagen?

Der kirchliche Friedhof
Anschließend sprach Gläser über die Geschichte des kirchlichen Friedhofs, der erst im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt nach dem Brand von 1740 angelegt wurde. Knobelsdorff, Architekt von König Friedrichs II, plante die Stadt nach französischem Vorbild, wozu auch gehörte, dass der Gottesacker aus hygienischen Gründen außerhalb der Stadtmauer lag. Zuvor hatten die Rheinsberger ihre Toten in unmittelbarer Nähe der Kirche bestattet, wovon noch 1930 Knochenfunde auf dem Kirchplatz zeugten.

Als die Bürger sich 1890 beschwerten, Totengräber Lemm stoße beim Ausheben neuer Gräber auf Leichenteile, wurde das schwelende Problem der Überbelegung akut. Die Stadt kaufte daraufhin das Gelände, auf dem sich heute der städtische Friedhof befindet. Dort baute man erstmals eine Aufbahrungshalle, die beiden Begräbnisstätten diente. Bis dahin waren Verstorbene in der sogenannten Brauthalle der Kirche aufgebahrt worden. Allerdings bot der kirchliche Friedhof weiterhin wenig Platz, sodass Grabstellen Jahre im Voraus reserviert werden mussten und ziemlich teuer waren. Gläser vermutet darin einen Grund für die Tatsache, "dass wir heute hier die Gräber der reichen und schönen Rheinsberger finden", die im 20. Jahrhundert bestattet worden sind.

Seine Aufbahrungshalle erhielt der Friedhof erst nach der Wende, als Familie Brehme ihren Supermarkt in der Paulshorster Straße eröffnet hatte: Die Toten mussten von der Aufbahrung auf dem städtischen zur Bestattung auf dem kirchlichen Friedhof transportiert werden, wobei der Trauerzug den Parkplatz des Supermarkts überquerte. Diese sowohl unpraktische als auch pietätlose Situation endete, als die Brehmes dem Gottesacker eine eigene Aufbahrungshalle spendeten.

Der Gedenkort
Zuletzt stellte Gläser dasjenige Projekt vor, in dem das Friedhofsengagement des Vereins wurzelt: Alles begann mit der Grabplatte Krumteich, die den Hobbyhistorikern überlassen worden war. Obgleich Krumteich prinzlicher Leibarzt gewesen war, bat die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten den Verein, die Sicherung zu übernehmen. Somit besaßen die Geschichtsbegeisterten eine rostige, acht Zentner schwere Eisenplatte von stadthistorischer Bedeutung und keinen Platz, um sie auszustellen. Nach nicht ganz einfachen Verhandlungen entschied der damalige Pfarrer Wittkopf schließlich, dem Verein einen Streifen am Rand des Friedhofs zu überlassen. Das war die Geburtsstunde des Gedenkorts, an dem die restaurierte Krumteich-Platte als erstes Objekt aufgestellt wurde.

Heute befinden sich daneben eine Replik der Grabtafel des ersten Rheinsberger Steingut-Fabrikanten Carl Friedrich Lüdicke sowie Grabmale abgelaufener Gräber. Nachfahren, die Steine erhalten möchten, sich jedoch nicht weiter um die Ruhestätten Angehöriger kümmern können, haben die Möglichkeit, sich an den Stadtgeschichtsverein zu wenden. Ziel des Projektes ist es, kulturell und historisch interessante Zeugnisse zu bewahren, sodass künftige Generationen den Friedhof gleichermaßen als Ort persönlichen Gedenkens und des "städtischen Personengedächtnisses" nutzen können.

Mehr als 40 Interessierte wollte Eberhard Gläser über die Geschichte des kirchlichen Friedhofs sprechen hören. Foto: Jürgen Rammelt

Jörg Möller (rechts) überreicht Herrn und Frau Endler die Patenschaftsurkunde für das Grabmal der Familie Wiese. Foto: Jürgen Rammelt

Denkmalpate Zahnarzt Karsten Schulz (links) mit Jörg Möller vor dem Grab der Familie Füssel. Foto: Klaus Albrecht

Eberhard Gläser weist darauf hin, dass der SGR für die Ruhestätte der Familie Poscich einen Denkmalpaten sucht. Foto: Klaus Albrecht

Gedenkort: Stein und Infotafel Familie Grimm. Foto: Jürgen Rammelt

Gedenkort: Steine und Infotafel Paul und Martha Weger. Foto: Jürgen Rammelt

Gedenkort: Referent Gläser mit Vereinsvorsitzendem Möller vor der Grabplatte Krumteich. Foto: Johannes Lindau

Gläser spricht über Rudolph Speck von Sternburg sowie über die sogenannten Diakonissengräber. Foto: Klaus Albrecht

Die bis vor einigen Jahren noch erhaltenen Diakonissengräber. Foto: Schülerprojekt der Heinrich-Rau-Schule, 12. Klasse, 2000.

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